Lynn Taitt: dead but still the baddest
Gleich vorneweg:
Dies ist nicht der 100. Versuch einer Biografie eines jüngst verschiedenen Ausnahmemusikers – bei Bedarf bemühe man bitte den Suchgockel im www – es handelt sich vielmehr um einen kleinen Gedankenausflug eines großen Bewunderers durch das Schaffen dieses Musikers und kann (vielmehr muß) dennoch Spuren biografischer Einsprengsel in unschädlichen Dosen enthalten.
Werte Damen und Herren, legen sie bitte zu diesem Behuf jetzt ein paar schöne Rocksteadyklassiker auf den Plattenspieler, lehnen Sie sich am besten zurück und hören, nein, besser: fühlen Sie diese unvergleichliche, meist sparsame und dennoch virtuose Gitarre, die soviel vom souligen Charme dieser Musik ausmacht.
Am Mittwoch, den 20.Januar 2010 starb in Toronto im Alter von 75 Jahren ein geradezu unglaublicher Musiker, der eine wenn auch kurze, doch um so produktivere “Epoche” der jamaikanischen Musik, nämlich die geschätzten drei Jahre des Rocksteady, nachhaltig geprägt hat – wen man ihn nicht sogar den Erfinder dieses Stiles nennen muß. Sein Name Lynn Taitt ist vermutlich fast nur Insidern wirklich ein Begriff, da der Großteil seines musikalischen Werks eben lediglich unter dem Namen der jeweiligen Gesangsinterpreten zu mitunter beachtlichem Erfolg kam, das Genie dahinter aber wie in den meisten Fällen unbekannt blieb. Und mal ehrlich: wer verbindet mit einer Reggaegitarre schon mehr als ein rhythmisches Offbeat-”Tsching, Tsching”?
Lynn Taitt war der Gegenbeweis. Um nur mal bei ein paar der bekanntesten Hits zu bleiben: unvergessen das melancholische Intro zu “Stop that train”, die Gitarren zu “007″ (mit ähnlich hoher Rekapitulierbarkeit wie der Anfangsakkord von “A hard day’s night” von den Beatles und durch seine Rhythmik im Intro bereits die Schablone für den nachfolgenden Reggae vorzeichnend), die an Colonel Steve Cropper’s beste Zeiten erinnernden Single-Note-Licks von “Perfidia”, die unzähligen dezent gitarrengedoppelten Basslines und die oftmals extra dafür um eine ganze Oktave (!) heruntergestimmten Baßsaiten der Gitarre (take that, Metalheads!), wahnsinnig gefühlvolle Twangs, Slides und andere, teils wirklich minimalst kleine Einwürfe und Schnipsel mit einem extrem hohen Wiedererkennungswert, die unaufhöhrliche ständige Weiterentwicklung des gesamten Genres, die Einführung der Solidbody-E-Gitarre in besagte Stile (und zwar fränkische Höfner- und Framus-Geschosse, nicht etwa den omnipräsenten Yankee-Kram wie Fender et al.) mit weitaus schärferem und knackigerem Sound im Vergleich z.B. zu Ernie Ranglins halbakkustischen Gibson-Jazz-Schiffen und und und… und kaum eine der ausgefuchsteren Basslines der Ära, die nicht auch aus seiner Feder stammte. Die gedoppelte Bassline hat er wohl ziemlich offensichtlich aus Trinidad mitgebracht; es ist nämlich geradezu typisch für Calypso, daß zumindest die Leadgitarre fast immer unisono mit dem Baß einhergeht. Und wahrscheinlich hat Taitt auch noch einen beträchtlichen Teil der Bläsersätze des Ska und Rocksteady geschrieben- arrangiert hat er sie auf jeden Fall. So trat nämlich bereits zu den Hey-Days des Ska Coxsone an ihn mit der Bitte heran, doch die musikalische Regierung der Skatalites zu übernehmen, was er jedoch mit der Begründung seiner Herkunft aus Trinidad ablehnte, da er der Meinung war, die Vorzeigeband Jamaikas könne just zum Zeitpunkt der frischen Unabhängigkeit nicht von einem Migranten geleitet werden. Mitgespielt hat er bei den Skatalites trotzdem mehr als häufig, man höre hierzu nur die grandiosen Top-Deck-Aufnahmen. In ausnahmslos jedem Studio der Insel war er tätig und mehr als gern gesehen. “He was the baddest!” sagt man immer noch über ihn.
Auf die Insel kam er Erzählungen zufolge eher zufällig: Mr. “No-Soul” (subjektive Meinung des Verfassers dieser Zeilen) Byron Lee hatte ihn mit seiner damaligen Calypso-Band Dutchy Brothers aus Trinidad zu den Unabhängigkeitsfeierlichkeiten nach Jamaika geholt, wobei es zu finanziellen “Unregelmäßigkeiten” kam und die Musiker am Ende der Veranstaltungen schlicht und ergreifend völlig pleite ohne Rückfahrkarte auf der Insel festsaßen. Was der Rest der Band machte, bleibt weitgehend unüberliefert, sie verteilten sich wohl auf diverse lokale Bands. Lynn Taitt jedenfalls machte das Beste daraus, spielte buchstäblich überall mit und erspielte sich damit ziemlich schnell den Rang eines nahezu unverzichtbaren Musikers.
Im Gegensatz zu allen Alpha-Boys-School-Absolventen der Top-Studiomusiker war Taitt ein rein autodidaktischer Multiinstrumentalist- soweit dem Verfasser bekannt, konnte er nicht mal Noten lesen und spielte und arrangierte allein aus dem Herzen und dem Bauch- der auf Trinidad seine Karriere als Steeldrummer begann. Zur Gitarre kam er, da ein Nachbar bzw. Kumpel ihn bat, eine einem besoffenen Matrosen geklaute ebensolche zu verstecken. “Als der Nachbar wiederkam, fand er mich gitarrespielend vor, dann hat er sie mir eben verkauft…”, so Taitt. Sowas nenne wohl nicht nur ich einen extrem glücklichen Zufall…
Wohl auch der Zufall war es, der ihn noch vor der Entwicklung des Rocksteadys zum Reggae aus Jamaika nach einem beachtlichem Schaffen sowohl in Studios wie auch auf auf Bühnen nach Kanada verschlug, wo er in Toronto Aufbau und Leitung der Hausband des West Indian Federated Club übernahm. Dort blieb er dann für den Rest seines Lebens kleben, was wohl im Vergleich zu Jamaika weniger am Wetter, sondern mehr an weitaus vernünftigerem Arbeitsentgelt gelegen haben dürfte. Einige andere Jamaikaner taten es ihm nach, u.a. Lord Tanamo und Leroy Sibbles- letzterer ja auch in Jamaika räudigst bezahlter Hausarrangeur und Multiinstrumentalist in Coxsones Studio 1. Tja, “Lieber frieren als wie ohne Geld” (verfälschtes Zitat aus einem völlig anderem Kontext).
Obgleich Taitt in Kanada in den letzten Jahrzehnten auch nichtjamaikanische Musikstile wie z.B. Soul, Funk und Jazz im Rahmen wechselnder Bands (zuletzt: La Gioventu) arrangierte und spielte, blieb er doch bis zu seinem Tod den Genres treu, die er in den 60s so nachhaltig (mit-)geprägt hatte. So trumpfte er z.B. vor ein paar Jahren auf dem Montrealer Jazzfestival mit seiner damaligen Band mit einem lupenreinen Ska-Set auf und zauberte zu solchen und ähnlichen Anlässen sehr zum positiven Erstaunen des Publikums durchaus auch mal wieder die Steel Pan aus dem Sack.
Ein m.E. ein wenig zu kleines Denkmal hat er dann doch noch erleben dürfen: den unlängst veröffentlichten Rocksteady-Film, an dem er aufgrund seiner Krebserkrankung im Endstadium leider nicht in dem Umfang teilnehmen konnte, wie es ihm wahrlich zugestanden hätte. Doch sein größtes Denkmal dürften die unzähligen Tondokumente der goldenen Ära der jamaikanischen Musik sein. Also ran an den Plattenspieler und noch ein Schätzchen nachgelegt. Oh Mann, diese Gitarre – tja, eben unbestreitbar: “He was the baddest!”
Hier noch ein Link zu einer Memorial-Radiosendung am Tag seines Hinscheidens, als Podcast downloadbar, so man die nervige Werbung und das Fachgesimpel studentischer Klugscheißer aushält. Die Musik der Sendung hingegen ist wunderschön. Weitere Links erachte ich derzeit als unnötig, da sich derzeit das www mit Würdigungen geradezu überschlägt.
